Ein Tutorial von The Rundown AI erklärt, wie sich aus einer öffentlichen API ein gehostetes Web-Produkt bauen lässt – mit ChatGPT Sites, dem seit Juli 2026 in Public Beta verfügbaren App-Builder von OpenAI.

Aus einer einzigen öffentlichen API entsteht in wenigen Schritten eine gehostete Web-App – so beschreibt ein neuer Guide den Bau eines Mini-SaaS mit ChatGPT Sites. Das Tutorial „Deploy a Mini-SaaS in 10 Minutes With ChatGPT Sites” von The Rundown AI führt vom Produktplan über ein MVP bis zur deployten Website. Als Beispiel dient „WeatherLedger”, ein Tool, das Wetterdaten auswertet, um Bauunternehmern die günstigsten Arbeitsstunden auf einer Baustelle anzuzeigen. Anders als unsere frühere Anleitung, mit ChatGPT Work und Codex eine komplette Website zu bauen, steht hier der Weg vom Datenendpunkt zum verkaufbaren Produkt im Fokus – inklusive öffentlicher Sichtbarkeit im offenen Web.

Der Kern der Anleitung: Ohne eigenen Server und ohne klassisches Frontend-Setup wird aus einer öffentlichen Schnittstelle eine nutzbare Anwendung. ChatGPT übernimmt Produktplanung und Codeerzeugung, Codex baut und hostet, ChatGPT Sites liefert den öffentlichen Link.

Was ChatGPT Sites leistet

ChatGPT Sites ist ein Codex-Feature, mit dem sich Websites, Web-Apps, Dashboards und interne Tools erstellen, speichern, deployen und inspizieren lassen. OpenAI kündigte die Funktion am 2. Juni 2026 auf dem Event „Intelligence at Work” an – zunächst nur für Business- und Enterprise-Workspaces. Am 9. Juli 2026 folgte im Rahmen des ChatGPT-Work-Launches die öffentliche Beta für alle zahlenden Nutzer, wie das OpenAI Help Center dokumentiert.

Der Funktionsumfang geht über einen reinen Editor hinaus. Sites bringt Hosting, Zugriffskontrollen, Speicher und Datenbank-Support mit, direkt im Sidebar-Bereich. Wer eine Domain bereits besitzt und deren DNS-Einträge anpassen kann, bindet auch eine eigene Adresse an. Damit ersetzt Sites für Web-Erlebnisse den bisherigen Canvas-Workflow.

Entscheidend für die praktische Nutzung ist ein Detail aus der Entwicklung: Vor der Beta-Öffnung ließen sich in Codex gebaute Sites nur innerhalb des authentifizierten Workspace aufrufen. Seit Juli sind die Ergebnisse im offenen Web erreichbar – der Grund, warum aus einem internen Prototyp ein veröffentlichbares Produkt wird. Laut OpenAI nutzen mehr als fünf Millionen Menschen Codex wöchentlich, rund 20 Prozent davon sind Nicht-Entwickler wie Analysten, Marketer oder Designer.

Voraussetzungen und Kosten für ein Mini-SaaS mit ChatGPT Sites

Für den im Guide beschriebenen Weg braucht es Zugang zu ChatGPT und Codex sowie einen Workspace, in dem Sites freigeschaltet ist. Eine separate Sites-Gebühr gibt es nicht. Die Kosten hängen am bestehenden ChatGPT-Plan und an der gemessenen Agenten-Nutzung, analog zu Codex. Vorausgesetzt wird ein kostenpflichtiger Plan – Free und Go sind ausgeschlossen.

Der Rollout verlief gestaffelt: Pro, Pro Lite und Edu zuerst, Plus in den Tagen danach. Bei ChatGPT Business ist Sites standardmäßig aktiv, bei Enterprise muss ein Admin die Funktion erst über rollenbasierte Zugriffskontrolle freischalten.

Zwei Grenzen für den europäischen Markt

  • Regionale Sperre: Öffentliches Publizieren und der erweiterte Beta-Rollout sind zum Start nicht im EWR, in der Schweiz und im Vereinigten Königreich verfügbar. Für Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist der Weg damit vorerst nicht regulär gangbar.
  • Keine Live-Daten: Sites verbindet sich derzeit nicht direkt mit Live-Datenquellen. Für Informationen, die sich regelmäßig ändern – etwa Wetterwerte im WeatherLedger-Beispiel – ist eine separate Automatisierung nötig, die Updates nach Zeitplan einsammelt.

Technisch läuft Sites auf Cloudflare-Infrastruktur; OpenAI beschreibt die Funktion als Zusammenarbeit mit Cloudflare, mit dessen relationaler Datenbank D1 und dem Objektspeicher R2 als konfigurierbaren Optionen. Für den Betrieb heißt das: Wer ein Produkt über Sites deployt, verlässt sich auf zwei US-Anbieter gleichzeitig – OpenAI für den Build, Cloudflare für Hosting und Datenhaltung.

Unsere Einschätzung

Der Nutzen ist real: Für interne Tools, schnelle Prototypen oder ein erstes MVP verkürzt Sites den Weg von der Idee zur laufenden App erheblich, und teure Entwicklerzeit lässt sich für einfache Fälle einsparen. Für kleine Betriebe, die ein Wochenend-Projekt statt eines Dienstleistervertrags brauchen, ist das ein handfester Gewinn. Genau deshalb lohnt der nüchterne Blick auf zwei Punkte. Erstens die Region: EWR, Schweiz und UK sind zum Start ausgeschlossen – für den Kern unserer Leser ist das Produkt heute kein reguläres Werkzeug, sondern eine Beobachtungsgröße. Zweitens der Lock-in. Wer eine öffentliche API in eine ChatGPT-Sites-App gießt, koppelt Frontend, Hosting und Datenbank an OpenAI und Cloudflare. Ein Wechsel bedeutet dann Neubau, nicht Umzug.

Praktikabler Umgang damit: Die Geschäftslogik – der Aufruf der API, die Auswertung, die Datenhaltung – gehört so weit wie möglich in portable, offene Bausteine, nicht in proprietäre Endpoints. Sites taugt als schnelle Oberfläche und als Testfeld, um Nachfrage zu prüfen, bevor ein tragfähiges Produkt entsteht. Als dauerhafte Basis für ein Kernprodukt ist die Abhängigkeit von einem einzigen US-Stack zu teuer erkauft. Für den europäischen Raum bleibt zudem die Frage offen, ob und wann die regionale Freigabe kommt – bis dahin ist der Guide eine interessante Blaupause, kein einsatzbereites Rezept.